Der zweite Lockdown und die Erkenntnis – es ist alles anders!

Der zweite Lockdown ist da

Da ist er, der zweite Lockdown. Und er ist anders als der erste. Oder ist er das nicht, und wir haben uns verändert? Das Corona-Virus hat unser Leben weiterhin im Griff, ein Impfstoff, zum Greifen nah, und die Hoffnung auf baldige Besserung wird unermüdlich gebremst. Ich kann es nicht mehr hören. Wir sollen ins HomeOffice, wo wir bereits seit einem knappen Jahr sind, und wir sollen uns darauf einstellen, die eigenen vier Wände auch noch längere Zeit zu sehen. Mehr Pessimismus als Hoffnung auf schnelle Besserung treibt meine Laune regelmäßig in den Keller. Aber abgesehen davon? Der zweite Lockdown fällt mir leichter als der erste, und ich frage mich, warum das so ist.

Der zweite Lockdown weicht Regeln auf

Vielleicht bringt dieser zweite Lockdown auch nur zu Tage, was die letzten Monate als schleichender Prozess längst stattgefunden hat: Die Normalität der nicht vermeidbaren Umstände. Noch im März habe ich gewettert, dass ich eine Unvereinbarkeit von HomeOffice und Beruf beklage, vor allem als Leiter einer Abteilung, für deren Performance ich mich verantworten muss. Ich muss mich selbst verbessern, weil ich von falschen Voraussetzungen ausgegangen bin. Ich bleibe dabei, dass es nicht möglich ist, die Regeln des normalen Büroalltags an die heimischen Schreibtische zu projizieren. Wenn zusätzlich noch Kinder im Spiel, oder besser im HomeSchooling sind, ist von einer Regelmäßigkeit gar nicht mehr zu sprechen. Bei mir hat es enormen Frust und Unzufriedenheit hervorgerufen, diesem Anspruch weiterhin gerecht werden zu wollen. Eine Konferenz mit lautstarkem Geschrei im Hintergrund ist eben anstrengender und nerviger als ohne.

Nicht beachtet hatte ich allerdings, was passiert, wenn man diesen Umstand einfach kommuniziert. „Liebe Kolleg*innen, ich muss mal kurz eine Windel wechseln“, führt zwar nicht zu allgemeinem Verständnis, zumindest nicht überall, schafft aber Transparenz. Oder das Team-Treffen nicht per Video, sondern nur per Audio zu begleiten, weil nebenbei die Kartoffeln für die hungrigen Kinder geschält werden wollen, lässt eine Konferenz nicht scheitern. Je selbstverständlicher ich mit diesen Umständen umgehe, umso entspannter nehme ich sie selbst wahr.

Natürlich sind dem Grenzen gesetzt. Mein Arbeitgeber oder Auftraggeber zahlt für meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Kann ich ihm diese nicht geben, liegt es an mir, dieses Defizit zu kompensieren. Nun ist das nicht so einfach: Während man eine Arbeitszeit-Uhr an- und ausschalten und die Summe der Arbeitszeit einwandfrei ablesen kann, stellt sich die Frage der Arbeitszeitverbuchung bei geteilter Aufmerksamkeit. Ist das nun „halbe“ Arbeitszeit? Muss ich die Windelwechsel-Zeit von meiner Arbeitszeit abziehen, meinen eigenen Toiletten-Gang aber nicht? Und wenn ich weiter meine Kolleg*innen am Headset begleite, wird dann automatisch wieder Arbeitszeit daraus?

Fairness ist gefordert – von beiden Seiten

Der zweite Lockdown führt uns deutlicher vor Augen, was die Schockstarre der ersten Phase noch nicht preisgegeben hatte: Wir müssen – wollen wir möglichst unbeschadet durch diese Krise kommen, sehr fair miteinander umgehen. Von meiner Seite her muss ich sagen, dass mein Arbeitgeber diese Fairness hat walten lassen. Guten Gewissens kann ich ebenfalls behaupten, mich gerecht verhalten zu haben. So haben Besprechungen auch mal abends stattgefunden, wenn die Kinder aller Beteiligten im Bett waren. Alleine diese Tatsache zeigt schon, wie intim das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern im letzten Jahr geworden ist. Den Einblick, den Kolleg*innen per Webcam in meine Wohnung genommen haben, hätte ich vor einem Jahr noch verwehrt. Und die privaten Probleme, die zu Verzögerungen bei geschäftlichen Abläufen führen, hätte ich ebenfalls nie kommuniziert. Aber nur so funktioniert Fairness, mit Transparenz auf der einen und einer großen Sorgfalt damit auf der anderen Seite.

Wenn alles gut geht, geht es gut weiter

Dass nicht alle Arbeitgeber dieses Vertrauen verdienen, kann ich hautnah bei mir nahen Menschen erleben. Die Folge dieser Intransparenz ist eine dauerhafte Unzufriedenheit mit der Situation, die durch die aktuelle Einschätzung der nächsten Monate noch verstärkt wird. Doch bei mir hat der zweite Lockdown in seinen ersten Wochen ein Gefühl ausgelöst, das ich seit einem knappen Jahr nicht mehr hatte: „Es wird schon gut gehen, und eventuell kommt ja sozial auch etwas Gutes dabei heraus.“ Ich weiß selbst, dass diese Einschätzung mit optimistisch deutlich untertrieben beschrieben ist, aber diese Spur von euphorischem Gefühl hat so gut getan wie weniges im zurückliegenden Jahr.

Der zweite Lockdown und sein Fehler – Was machen die Kinder?

Und wieder einmal zeigen auch diese Überlegungen, zeigt mein eigener Text doch ein Defizit, ein Fehler in der Betrachtung der aktuellen Situation: Die Kinder laufen „so mit“. Zwar haben sie es geschafft, durch ständige Konkurrenz zur Arbeit sich einen Platz im Alltag und HomeOffice zu sichern, aber sie spielen weiterhin nicht die Rolle, die ihnen eigentlich zustehen sollte. Das ist die erste, die beste Rolle. Bis dahin brauchen wir noch ein paar Lockdowns mehr.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.