Corona mit Kindern – Isolation komplett

Corona mit Kindern im Homeoffice

Herzlichen Glückwunsch, wir haben das Corona-Virus bisher nicht. Dennoch und selbstverständlich befolgen wir familiär die Vermeidung sozialer Kontakte nach außen. In Zeiten von Corona mit Kindern ist das wohl das Mindestmaß, das man erfüllen sollte. Und doch zeigt der Alltag, der plötzlich keiner mehr ist, schonungslos Lücken in einem System auf, die auch ohne Corona existieren. Nur werden diese Lücken im normalen Alltag meist gestopft, nicht selten mit den abgestorbenen Nerven der Eltern. Das geht jetzt nicht mehr, aus den Lücken sind unübersehbare Gräben geworden.

Wenn Corona mit Kindern zuschlägt

Nun ist es also soweit, wir gehen in die häusliche Isolation. Nein, es ist keine Ausgangssperre, und doch ist es das genaugenommen. Es war ein schlauer Schachzug unserer Politiker, das Kontaktverbot auch nur also solches zu benennen. Dass eine Schließung der Spielplätze, der Spiel- und Grünanlagen, der KITAs und Schulen die Vollzeit arbeitenden Eltern an den Schreibtisch und die Kinder im günstigsten Fall ins Kinderzimmer, im ungünstigsten vor den Fernseher zwingt, wird nirgends erwähnt und ungerne gesagt. Ein gemeinsames Einkaufen fällt aus, dafür ist der Supermarkt einfach zu potentiell kontaktfreudig, trotz Türsteher. Ein gelegentliches In-Den-Park-Fahrradfahren scheitert zurzeit einfach an den Temperaturen, und doch ist dies der – im wahrsten Sinne – kleine gemeinsame Lichtblick des Tages, wenn auch nur kurz. Eine Erkrankung „Corona mit Kindern“ ist noch schlimmer als eine Vermeidung der Lungenkrankheit.

Doch ehrlicherweise erwische ich mich hin und wieder bei dem Gedanken, dass ein gemeinsames Durchstehen der Erkrankung eventuell deutlich einfacher wäre als die aktuelle Situation. Nein, ich bin nicht scharf darauf, eine „Corona mit Kindern-Party“ zu feiern. Dafür habe ich vor der potentiellen Ernsthaftigkeit der Krankheit einen viel zu großen Respekt. Der Tages-Fahrplan dann sähe allerdings entspannter aus. „Geht raus, wir haben es schon gehabt und sind immun.“ Es klingt wie Musik, wenn auch eine gefährliche Musik.

Unvereinbarkeit von Homeoffice und Familie

Es geht uns richtig gut, im Vergleich. Im Gegensatz zu vielen existenzbedrohten Familien sind unsere Jobs sicher – zumindest vorerst. IT-ler werden zurzeit und vermutlich in Zukunft noch viel mehr gesucht wie die Nadel im Heuhaufen. Ob die Bezahlung dann der eigenen Vorstellung entspricht, wird die Zukunft zeigen. Noch ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage ja nicht ausgesetzt und arbeitet zu unserem Vorteil. Ähnliches gilt für gute Vertriebler, je besser, umso begehrter. Allerdings bezahlt ein Arbeitgeber ja nicht für die bloße Existenz, sondern möchte die Leistung seines Mitarbeiters abrufen, sobald er sie benötigt. Also jetzt in der Krise, um genau zu sein. Komplizierte Netzwerkkonfigurationen, unerklärliche Fehlermeldungen oder einfache Support-Anfragen der Kategorie „Let me Google this for you“ müssen bearbeitet und beantwortet werden. Dabei hat es der Arbeit- und Geldgeber nicht eingeplant, sein Zugpferd mit weinendem oder quengelndem Kind auf dem Schoss einzukaufen.

Es ist die eine Sache, Verständnis für eine veränderte Kommunikation per Skype oder Zoom zu verlangen, wenn eine zweijährige und ein sechsjähriger für eine gewissen Brüll-Untermalung sorgen. Es ist aber eine komplett andere, wenn die eigentliche Leistung leidet. Und das tut sie, denn niemand kann einen wirklich klaren, gradlinigen und zielstrebigen Gedanken fassen, wenn die kleine einen Teller mit Wucht gegen das Wasserglas rammt und einen Sprühnebel an Scherben verursacht. Handeln ist gefragt, Staubsaugen, Wischen, nur eben keine Netzwerkkonfiguration, die den Kollegen einen zügigen Zugriff auf wichtige Arbeitsmaterialien ermöglichen würde. Mit Betonung auf „würde“.

Problem nicht neu – aber verschärft

Das Problem der Heimarbeit, die von einigen Arbeitgebern wie Arbeitnehmern als Allheilmittel im Kampf um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerne genannt wird, stellt sich in diesen Tagen besonders deutlich dar. „Corona mit Kindern“ ist in Wirklichkeit ein „Vollzeitarbeiten ohne KITA-Betreuung“ und beweist eindrucksvoll, dass die vielbeschworene Vereinbarkeit in Wirklichkeit nicht existiert. Sie hat nie existiert und wird auch nie existieren. Gut, vielleicht gilt das nicht für alle Berufe. Eventuell ist es einer Kindergärtnerin möglich, eigene wie andere Kinder zu betreuen und die perfekte Symbiose beider Welten darzustellen. Doch andere Jobs – die Vielzahl, Mehrheit, fast alle – werden immer ein „Entweder“-„Oder“ sein, und maximal ein geschicktes Jonglieren beider Pole „Familie“ und „Beruf“ ermöglichen.

Auch dem letzten und wohlwollendsten Brötchengeber sollte nach dieser Krise klar werden, dass jeder Tag, den er Eltern ins Homeoffice schickt, weil die KITA geschlossen hat, in Wirklichkeit ein halber Urlaubstag ist, der nur nicht so genannt und – noch wichtiger – nicht abgerechnet wird. Es mag sein, dass die aktuelle Krise und die Situation, Corona mit Kindern aussitzen zu müssen, die Akzeptanz mangels Alternativen hochhält. Doch es wird der Tag kommen, an dem das reguläre Leben Einzug gehalten hat, und sich Arbeitsgeber gut erinnern, welchen Bedingungen der Mitarbeiter im Homeoffice ausgesetzt war. Wenn die Toleranz gegenüber dieser Art der Arbeit massiv gesunken ist, so würde mich das nicht wundern.

Corona mit Kindern als Chance

Dabei genieße ich die Zeit mit den Kindern wie selten. In der Zeit, in der wir spielen, tanzen und malen, sind wir füreinander da. Wir kochen jeden Tag statt nur am Wochenende, wir überlegen uns Essenspläne, die Umgestaltung der Zimmer. Wir hängen gemeinsam die Wäsche auf und lernen jeden Tag viele neue Wörter: Sohnemann fängt an zu lesen, Töchterchen zu sprechen – nein eher zu plappern. Es gibt wirklich keinen Grund, sich zu beschweren. In der idealen Welt würde einer von uns Erwachsenen die Kinder betreuen und der andere arbeiten – von mir aus im Schlafzimmer mit Mini-Schreibtisch, an dem diese Zeilen zurzeit entstehen. In der noch idealeren Welt dreht sich die Zuständigkeit nach einem halben Tag und findet am Wochenende ihren Höhepunkt in der gemeinsamen Betreuung.

Man mag mich falsch verstehen können, sehr leicht sogar. Ich halte gerade weder ein Plädoyer gegen Homeoffice, noch gegen die gemeinsame Berufstätigkeit. Ich halte auch keine Ansprache gegen Ganz-Tag an KITAs und Schulen. Stattdessen fordere ich nur mehr Ehrlichkeit. Die Unzufriedenheit vieler Eltern mit der eigenen beruflichen wie familiären Situation ist einer tiefen Unehrlichkeit geschuldet. Wir schönen regelmäßig die eigene Leistungsfähigkeit und Fähigkeit, unvereinbare Welten zueinander zu führen. Die Folge ist Unzufriedenheit mit sich selbst und der eigenen Situation. Und noch schlimmer: Wir verhindern mit diesem Spagat eine tiefgreifende Veränderung im Verständnis aller anderen für die eigene Situation.

Vielleicht müssen wir endlich aufstehen und sagen, dass wir ab 16 oder 17 Uhr nicht mehr erreichbar sind, auch nicht per Email. Vielleicht müssen wir klar machen, dass wir unsere Mobilnummer nicht herausgeben, dass wir kein Facebook- oder Twitter-Account mit Kollegen teilen wollen und dass wir kein Whats-App besitzen. Vielleicht müssen wir unseren Kindern klarer machen, dass unser Arbeitszimmer/Schlafzimmer wirklich tabu ist, dass die Arbeit aber auch genauso wirklich nur in diesen Wänden stattfindet und nicht am Wohnzimmertisch. Vielleicht müssen wir unseren Arbeitgebern viel mehr die volle Aufmerksamkeit schenken, aber eben nur acht Stunden und vielleicht eben auch weniger. Vielleicht lernen wir alle aus dieser Krise und der Situation, Corona mit Kindern zuhause zu erleben. Vielleicht ändern sich die Zeiten jetzt. Und wenn nur für unsere kleine Familie.

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