Gewissen eines Kleinkinds – Gradmesser für Erwachsene?

Gewissen Kleinkind

Nun, die Welt ist grausam. Das ist wirklich keine neue Weißheit. Ein Blick in die Tagesschau reicht aus, um einen ganzen Blumenstrauß an grausamen Dingen auf dieser Welt zu sehen, und dort ist nur fünfzehn Minuten Zeit. Was mir zunehmend Angst macht, ist die Distanzlosigkeit, mit der die Grausamkeiten in meinen Einzugsbereich und damit auch Einflussbereich kommen. Ich weiß, das ist zynisch. Distanz verringert wohl kaum das Greuel im Absoluten, nur in meiner Wahrnehmung. Ich spreche aber nur das aus, was Alltag ist. Ein Anschlag in Afrika oder in Paris wird medial und ganz persönlich anders bewertet, der einzige Unterschied zwischen den beiden Gräueltaten ist die Distanz. Zunehmende Distanz stumpft ab, das ist mir bewusst, und dennoch kann ich mich nicht dagegen wehren. Ich frage mich: Ist diese Abstumpfung mit dem Gewissen eines Kleinkinds vereinbar?

Gut, dieser Gedankensprung war etwas groß und sehr kaltes Wasser, daher zu seiner Vorgeschichte: Ich habe mit meinem Sohn ein Buch gelesen, ein Kinderbuch, völlig unverfänglich geschrieben und gezeichnet. Dennoch hatte es unfreiwillig einen aktuellen Bezug zur Politik, und ich habe mir überlegt, wie ich meinem Sohn beibringen könnte, warum die Außenpolitik so agiert, wie sie es tut. Er ist zwei Jahre alt und wird nichts verstehen von dem, was ich ihm über EU-Grenzen, Flüchtlingsströme und politische Überzeugungen erzähle. Dann wurde mir klar, er wird es auch in einigen Jahren noch nicht verstehen, denn das Gewissen eines Kleinkinds wird verhindern, dass er es verstehen wird. Wie soll ich meinem Sohn erklären, dass in Afrika und Asien Menschen aufeinander los gehen, die Menschen aber, die Zuflucht suchen, nicht zu uns gelassen werden sollen? Ernüchternde Antwort: Gar nicht.

Er wird es nicht verstehen, und ich hoffe, dass er sich diese Eigenschaft lange bewahren wird. Das Gewissen eines Kleinkinds ist nicht naiv, es ist einfach nur unverbogen und von sehr wenig Egoismus geprägt. Und es bewahrt Werte mit der Absolutheit und Klarheit, die uns verloren gegangen ist. Es gibt keine Relation zu Menschenrechten und zur Menschlichkeit. Die Wertestabilität des Gewissen eines Kleinkinds ist beneidenswert, und sie würde uns auch gut stehen.

Nehmen wir einmal an, wir müssten wirklich kürzer treten, um die Flüchtlingsströme bewältigen zu können. Und ich müsste meinem Sohn erklären, dass er jetzt keine Wurst essen könne, sondern die preiswertere Marmelade aufs Brot bekäme. Dafür allerdings kann die Mutter mit ihren drei Kindern über die Grenze kommen und findet Zuflucht vor Kälte, Krieg und Hunger. Was würde wohl passieren? Würde ein Zwei-, Drei- oder Vierjähriger mir sagen, das wolle er nicht? Würde er angesichts Bildern von frierenden Kindern an Grenzzäunen die Wurst bevorzugen? Sicherlich nicht. Das Gewissen eines Kleinkinds ist dafür viel zu unverbogen. Er würde sein Marmeladenbrot noch teilen wollen.

Vielleicht müssen wir alle einen Schritt zurückgehen und mal in die Vergangenheit schauen. Unsere Welt hat sich in den letzten dreizig Jahren verändert, und zwar in einer Art und Weise, die schleichend und überrumpelnd zugleich ist. Wir sind bequem geworden und wir sind erschöpft zugleich in diesem Land, das immer schneller wird und uns alle abzuhängen droht. Mit den Kindern spielen wirkt da manchmal schon wie eine Oase der Ruhe, egal wie hoch es im Kinderzimmer hergeht. Ob in dieser Gemengelage von Erschöpfung, Bequemlichkeit und Schnelligkeit der Ursprung der Resignation gegenüber unschöner Entwicklungen zu suchen ist, weiß ich nicht, aber ich nehme es an. Das ist aber keine Rechtfertigung dafür, dass ich nicht aufstehe und protestiere, gegen Krieg, gegen Hunger, gegen Ungerechtigkeit, gegen Rassismus. Solange ich das nicht mache, werde ich meinem Sohn nicht erklären können, wie mein Gewissen funktioniert.

Und vielleicht ist es noch viel einfacher. Vielleicht müssen wir uns immer nur bei jeder Entscheidung die Frage stellen: Wie erkläre ich meinem Kind mein Handeln, und wird es mit dem Gewissen eines Kleinkinds dafür Verständnis aufbringen und mich verstehen. Oder wird es mich anschauen, verdutzt, irritiert und – im fortgeschrittenen Kindesalter – von seinem eigenen Vater enttäuscht? Vielleicht sollten sich Politiker bei Ihren Entscheidungen diese Frage stellen: Wie erkläre ich mein Tageswerk meinem Sohn, meiner Tochter, und ernte ich dafür Respekt oder Ablehnung? Dann nähern wir uns der Erfüllung einer Forderung, die Herbert Grönemeyer schon aufgestellt hat: Kinder an die Macht!

(Foto: Fotolia © igor)

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