Bahn-Bashing Deluxe oder warum ich immer ein Kissen dabei habe

Ein paar Worte vorab: Ich kann ohne die Bahn meinen Job nicht ausführen, zumindest nicht so, wie ich es seit inzwischen sechs Jahren mache. Viel zu oft fahre ich mitten in der Nacht quer durch das gesamte Land, um am nächsten Tag irgendwo in Deutschland irgendetwas in einem Rechenzentrum zum Laufen zu bewegen. Gründe für Bahn-Bashing gab es genug und gibt es immer wieder. Doch wenn ich ehrlich bin, fehlt mir die Alternative. Das Auto ist zwar manchmal verlockend ruhig im Vergleich zu überfüllten Personenwagen, doch Schlaf findet man dort prinzipbedingt nicht. Und genau den brauche ich, möchte ich tagsüber konzentriert arbeiten. Dazu kommt, dass die Schnelligkeit der Bahn durchaus dem Auto ebenbürtig ist, mindestens. In Summe ist die Bahn für mich alternativlos. Bahn-Bashing bringt mich in eigene Gewissenskonflikte.

Die Menge meiner notwendigen Fahrten lässt schon erahnen, dass ich eine Bahncard 100 mein Eigen nenne. Ich steige einfach in einen beliebigen Zug ein. Ob Fern- oder Nahverkehr, spielt dabei meist keine Rolle. Diese Freiheit lässt Entfernungen gefühlt schrumpfen. Ein spontaner Besuch in Berlin, aus meiner Heimat Köln immerhin 600km entfernt, ist keine Seltenheit, oder ein Museumsbesuch in Nürnberg, einfach weil man dazu Lust hat. Der Aufwand ist einfach nicht der gleiche, auch wenn die Fahrzeit dadurch nicht weniger wird.

Diese Freiheit färbt auf Kinder massiv ab. Anfangs wollten die Erzieher in der KITA nicht glauben, wenn Sohnemann erzählte, wir führen gleich nach der KITA-Betreuung auf den Abenteuerspielplatz am Frankfurter Flughafen oder morgen spontan nach Hamburg, nur um den alten Elbtunnel anzuschauen. Erst mit der Zeit erahnten sie, dass er mit vier Jahren vermutlich mehr Reisekilometer auf dem Tacho hatte als viele Erzieher.

Warum ich diesen langen, immer noch nicht beendeten Vorspann wähle? Um klarzumachen, dass ich weiß, wovon ich rede. Die Bahn ist für unsere ganze Familie unverzichtbar,  wir alle nutzen sie intensiv und haben damit einen wirklich guten Einblick in ihre Entwicklung der letzten mindestens sechs Jahre. Und wir reisen viel mit Kindern, mal einem, mal zweien oder sogar zu zehnt beim Kindergeburtstag. Daher gehören die folgenden Zeilen auch in diesen Blog, denn reisen mit Kindern ist einfach eine andere Herausforderung als alleine, auch wenn eine gewisse Routine sich einschleicht.

Kalt, kälter, A***hkalt

Es war mitten im Winter 2018/2019, kurz nach Weihnachten, und zwar zu einer Zeit, in der ein Winter seinem Namen und den Erwartungen an Temperatur und Wetter ansatzweise gerecht wurde. Ich hatte einen nicht besonders arbeitsreichen Tag in Hamburg vor mir, genaugenommen hatte ich gar nichts zu tun. Aber Bereitschaft ist Bereitschaft, und die beginnt zu einer Uhrzeit, dass die Wahl des Zuges festgelegt ist: 2:10 Uhr von Köln nach Hamburg, Ankunft 6:50. Meistens. In vielen Fällen ist die Fahrt einigermaßen pünktlich, meist ist das Publikum im Zug schlafhungrig und die Fahrt entsprechend ruhig.

Ich hielt es für eine Riesen-Idee, Sohnemann mitzunehmen, auch wenn ich dies bei nächtlichen Fahrten in der Regel vermeide. Im schlimmsten Fall hätten wir die Rückfahrt zusammen Spaß gehabt, auf der Hinfahrt geschlafen und er sich dazwischen irgendwie beschäftigt. Im besten Fall hätten (und hatten, mit Einschränkungen) wir einen Vater-Sohn-Tag im schönen Hamburg. Wenn – ja wenn die Bahn sich nicht entschieden hätte, den Zug erst ab Dortmund einzusetzen! Ersichtlich war das aus der Bahn-App, die ich vor Abfahrt zuhause immer konsultiere, zu diesem Zeitpunkt freilich nicht, obwohl der Zug längst unterwegs sein musste. (Sie merken, das Bahn-Bashing hat begonnen.)

Zug fällt leider aus, Erklärungen abenteuerlich

So standen wir nun zu zweit, 41 und 4 Jahre alt, um ca. 1:30 Uhr am Kölner Hauptbahnhof, und unsere Wartezeit auf den Zug sollte statt einer halben Stunde zweieinhalb Stunden dauern. In der Kälte, den abfahrenden Zug in Dortmund theoretisch erreichbar. Doch wer glaubt, die Bahnangestellten am Infoschalter könnten helfen, hatte sich getäuscht. Eine Fahrt nach Dortmund mit „alternativen Verkehrsmitteln“, sprich Taxi, wurde nicht gestattet. Dabei waren wir nicht die einzigen Fahrgäste, die vergebens auf Anschluss warteten, ein Taxi wäre durchaus voll gewesen. Die Begründung: Wir würden mit dem Zug keine Tages-Grenze überschreiten.

Das wollte ich näher erklärt haben und traute meinen Ohren kaum: Wäre der Zug um 23:50 abgefahren und ausgefallen, hätten wir keinen Anschluss mehr am gleichen Kalendertag erwischt. Dann wäre eine Taxi-Abfangfahrt nach Dortmund möglich gewesen. Da der Zug aber erst um 2:10 Uhr hätte fahren sollen, ging das nicht, weil ja am gleichen Tag noch ein Anschlusszug führe. Die Bitte, diese Logik meinem frierenden Sohn zu erklären, hatte starre, leere Gesichter zur Folge.

Nicht vor, nicht zurück

Eine Rückfahrt in das mit lokalen Verkehrsmitteln nur fünfzehn Minuten entfernte Bett war ebenfalls nicht möglich, denn es fährt wochentags nachts schlicht keine Straßenbahn und auch kein Bus, weder um kurz vor zwei noch um vier Uhr, um den Folge-Zug zu erreichen. Auch hier wurde die Bitte nach einem Taxi – wenigstens eine Strecke – rigoros abgelehnt.

Bahn-Bashing beendet? Keineswegs. Meine überaus inzwischen sarkastische Frage, wo man sich dann warm halten könne, beantwortete die Bahnangestellte sinngemäß und etwa mit diesen Worten: Der Wartebereich auf Gleis 1 am Kölner Hauptbahnhof sei nachts immer mit so komischen Gestalten voll, ich solle lieber zum „Backwerk“ auf der Rückseite des Bahnhofs gehen. Vermutlich war nun ich es, dessen Gesicht eine gewisse Ungläubigkeit ausstrahlte, zumal sie mir einen Ausdruck der Alternativverbindung um vier Uhr in die Hand drückte. Ich glaube bis heute, sie sah dies als ernsthafte Hilfestellung an.

Nachdem ich mir sicher war, dass ich hier nichts mehr bewegen würde und die Flexibilität der Bahnangestellten den sprichwörtlichen wie realen Bahnschwellen gleichkam, entschied ich mich, dem eigentlich absurden Rat zu folgen. 2:10 war überschritten, der Zug war wirklich nicht gekommen. Gehofft hatte ich bis zuletzt. Die mickrige Anzahl der wartenden und nun wütenden Passagiere ließ mich erahnen, warum der Zug ausgefallen war: Zwischen den Jahren wollte einfach keiner fahren, die Wirtschaftlichkeit ist bei einer solchen Fahrt mehr als dahin. Da in Dortmund bei diesem Zug häufig ein Personalwechsel ansteht, darf man nun vorsichtig spekulieren, warum der Zug wirklich ausfiel. Technische Probleme jedenfalls lassen sich immer bestens vorschieben.

Backwerk, REWE und Bahn-Wartebereich

Backwerk in Sicht, beendete ich dieses Gedankenspiel, wir standen vor verschlossenen Türen. Nicht dass eine Bahnangestellte am Hauptbahnhof die Öffnungszeiten der Shops im Kopf haben sollte, das verlange ich nicht. Doch mit Hinweis auf die mangelnde Sicherheit in der Nacht im DB-eigenen Wartebereich auf andere Shops zu verweisen, die dann geschlossen haben, ist schon sehr skurril. So standen wir nun endgültig auf dem Abstellgleis, Sohnemann und ich, in der Kälte vor bzw. hinter dem Bahnhof, vor der verschlossenen Tür eines Backshops und ohne eine Chance, den Zug in Dortmund noch zu erreichen.

Wir haben dann zwei Stunden gewartet, in einem gewärmten Gang vor dem Bahnhofs-REWE, zusammen mit wirklich komischen Gestalten. Doch REWE pflegt es, nachts einen Sicherheitsdienst zu beschäftigen, in dessen indirekte Obhut wir uns begaben. Sohnemann hat ein wenig geschlafen, auf meinem Kopfkissen, das mich auf jeder Reise begleitet. Damit hatte er anderen Schlafenden einen großen Vorteil voraus.

Auch Zugbegleiter am Ende ihrer Geduld

Warum ich dies so ausführlich berichte? Weil ich einen Trend bemerke, der mich zunehmend besorgt stimmt: Die Bahn pfeift schon seit Jahren auf dem letzten Loch, und es wird immer schlimmer. Es waren allerdings bisher gerade die Schaffner und Zugbegleiter, die irgendwie die Fahne ihres längst an die Wand gefahrenen Unternehmens hochgehalten haben. Doch die verlieren rapide die Lust, vielleicht fehlt ihnen inzwischen auch einfach die Energie, sind sie es doch, die das Bahn-Bashing als erste erreicht. Aber auch ein Koch kann mit verdorbenen Lebensmitteln nicht schmackhaft kochen und wird irgendwann die Lust verlieren.

Die Bahn bemüht sich mit einzelnen Aktionen, auch Kindern die Bahnreise angenehmer zu machen. Teilweise gibt es – gerade in Ferienzeiten – ja sogar aktive Kinderbetreuung, es gibt Malhefte, die „Lese-Lok“, die berühmten Spielzüge, von denen wir ein ganzes Arsenal zu Hause haben. Doch was hilft das alles, wenn man sich mit Kindern und entsprechend viel Gepäck nicht darauf verlassen kann, dass die geplanten Züge auch wirklich fahren? Wenn ICEs mit größeren Kinderabteilen durch ICs ersetzt werden, Reservierungen verfallen und als Folge Kinder keinen Platz zum Spielen finden?

Der Zug um vier Uhr war dann an besagtem Tag einigermaßen pünktlich, der Tag in Hamburg toll, wäre ich nicht so unendlich müde gewesen. Geblieben ist mir der Zettel der Deutschen Bahn bzw. ihres Infoschalters, symbolisch für die faktisch nicht vorhandene Hilfestellung, wenn man als Reisender und Viel-Bahn-Kunde seit Jahren gestrandet ist. Liebe Bahn, ihr müsst zugeben: Dafür ist das Bahn-Bashing noch harmlos ausgefallen. Und allen anderen sei gesagt: Neben den üblichen Empfehlungen, etwas zu Essen und Trinken einzupacken, empfehle ich immer und dringend ein Kopfkissen im Reisegepäck. Oder ihr nehmt dann doch lieber den Flieger. Gute Reise!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.