Selbständig mit Kind – Es geht vorbei

Selbständig mit Kind - Chaos im Büro

Seit 1997 bin ich selbständig. In den letzten 20 Jahren meines Lebens gab es immer wieder Phasen, in denen ich die Arbeit durch ein Angestellten-Dasein ergänzt habe. Doch der einzige wirklich rote und inzwischen zwei Jahrzehnte lange Faden ist die Selbständigkeit als Programmierer. Und genau diese Faden kappe ich jetzt. Denn Selbständig mit Kind ist ein einziger großer Kompromiss auf allen Ebenen, und das möchte ich nicht mehr. Und ich rate auch jedem davon ab, das Modell Selbständig mit Kind zu versuchen. 

1997 war alles anders – vor allem ich

Der Tatendrang, den ich 1997 an den Tag gelegt habe, war enorm. Mit vier Stunden Schlaf pro Nacht und viel Feierlaune am Wochenende (mit weniger als vier Stunden Schlaf) habe ich meine Selbständigkeit hochgetrieben. Die Internet-Blase des auslaufenden Jahrtausends trug uns alle mit und platzte zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich gerade ein wenig aus dem Geschäft gezogen hatte. Ideal hinbekommen, ich hatte einfach Glück.

Mein Volontariat, mein Studium, das alles machte mir neben der Selbständigkeit wenig aus. Im Gegenteil, besonders mein Studium hat von meiner vorhandenen Infrastruktur profitiert. Kopieren in der Uni? Unnötig, der Kopierer steht zuhause, inkl. Bürokraft. Lange Anfahrt zur Uni mit der Bahn? Quatsch, das Auto ist ja da. Lernen in der WG? Ich wohnte schon lange alleine. Manchmal war es die Lebenserfahrung von wenigen, aber entscheidenen Jahren, die ich meinen Kommilitonen voraus hatte. Nicht allen, aber einigen, so dass man auffiel.

Doch vor allem konnte ich das Arbeitspensum wochenlang durchhalten, bis ich mal wieder ein Wochenende Tiefschlaf am Stück benötigte. Wenn ich den Ausspruch „Früher war alles Besser“ auf die Prüfwaage stelle, so bezieht sich das im Endeffekt auf meinen eigenen Körper, auf meine Kondition. Ob ich ein oder zwei Kinder in dieser Zeit auch zusätzlich einfach mitgewuppt hätte, kann ich nicht sagen. Aber ich vermute, Selbständigkeit mit Kind wäre eher gelaufen.

Heute sieht das anders aus. Ich brauche mehr Schlaf, oder ich schätze den Luxus des Schlafens so sehr, dass ich mir einrede, ich bräuchte mehr. Fakt ist: Es sind immer noch vier bis fünf Stunden pro Nacht. Und so fühle ich mich auch, im zarten Alter von knapp Vierzig. Ich könnte fast und immer und überall einschlafen.

Selbständig mit Kind – nichts ist selbständig

Warum lief meine Selbständigkeit so reibungslos, warum frisst mich die Selbständigkeit mit Kind langsam auf? Weil ich nicht bestimmen kann, wann ich welche Aufgabe abarbeite. Mein Arbeitstag ist mir vorgegeben, ein Schema muss ich ablaufen. Denn Sohnemann muss in die KITA, aus der KITA raus. Essen haben, Windeln erneuert haben. Feste und variable Abläufe. „Schatz, ich bin für die nächsten drei Tage in Berlin“ war vor fünf Jahren ein möglicher, spontaner Ausruf. Bis auf „Schatz“. Vorbei diese Zeit.

Meine Arbeit wird dadurch aber nicht weniger. Im Gegenteil, dadurch, dass ich nicht die effizienteste Abarbeitung wählen kann, ist sie zeitlich sogar umfangreicher geworden. Denn Selbständig mit Kind ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Entweder ist man selbständig, oder man hat sich um ein Kind zu kümmern. Als rein beruflicher Terminus mag „Selbständig“ noch durchgehen. Gelebte Selbständigkeit sieht aber anders aus.

Angestellt kann Vorteile haben

Nun bin ich mit meiner Selbständigkeit an einem Punkt, an dem ich mich aus dem operativen Geschäft zurückziehen und mehr delegieren kann. Das ist ein Luxus, den man gar nicht hoch genug schätzen kann. Insofern ist das Thema „Selbständig mit Kind“ für mich kein Abschied aus der Selbständigkeit. Dennoch, mein aktives Arbeitspensum verbringe ich in Zukunft an einem anderen Schreibtisch. Morgens Kita, dann Arbeit, dann Kita, dann nach Hause. Spießertum par excellence. Und sei es drum, ich freue mich drauf.

Ausräumen, jetzt fällt der letzte Schrott

Zum geordneten Rückzug gehört auch, dass ich mein Büro aufgebe. Das Büro hatte ich bereits gemietet, als mich der Virus des Minimalismus noch nicht erfasst hatte. Dementsprechend habe ich zwar immer wieder einzelne Ecken aufgeräumt gehabt, jetzt aber muss alles raus und die letzten Altlasten aus der Vor-Minimalismus-Zeit kommen nach vorne. Der Müllcontainer ist im Geiste schon bestellt.

Ich freue mich, auf meinen neuen Arbeitsrhythmus, auf neue Eindrücke, auf noch weniger „Haben“-Ballast, auf mehr „Sein“. Und auf weniger Selbständig mit Kind, dafür mehr geordnete, gemeinsame Zeit.

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