Schul-Digitalisierung oder Wann ist früh zu früh?

Internetseite Lehrerverband zur Schul-Digitalisierung

Ich dachte wirklich gestern morgen, ich falle vom Stuhl. Gott sei Dank allerdings hat der Lehnen und hielt mich trotz Schreck in der sitzenden Senkrechten. Da plärrt aus dem Radio eine Stimme und gibt einen in meinen Augen pädagogischen Müll von sich, dass einem Angst und Bange werden kann. Warum? Weil derjenige, der da plärrt, kein Geringerer als Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbands ist, der sich zum Thema Schul-Digitalisierung äußert. Armes Kind, also meines. Und alle anderen. Zum Nachhören hier.

Schul-Digitalisierung als Abbild der Gesellschaft

Welchen Auftrag hat die Schule? Sie soll bilden, sie soll auf das Leben vorbereiten und sie soll im besten Fall auch noch Spaß machen. Das ist ein Anspruch, dem sie aus leidvoller eigener und geschwisterlicher Erfahrung nur selten gerecht wird. Zugegeben, zu meiner Schulzeit war die Schul-Digitalisierung noch nicht wirklich aktuell. Doch auch wir hatten schon Informatik-Unterricht, in dem der überwiegende Teil sich aus Desinteresse langweilte, der andere informationstechnisch alles auseinander nahm, was auseinanderzunehmen war. Natürlich bekamen die Lehrer davon nichts mit, das weiß ich, weil ich zur letzteren Gruppe gehörte. Ja, ich war in diesem Aspekt ein Nerd.

Das Internet hat sich verändert, vor allem ist es exponentiell gewachsen. Es hat sich verändert, es hat uns verändert. Genau genommen hat es die Welt verändert. Wir können von überall auf alle Informationen zugreifen. Das kann man gut oder schlecht finden, es ist so und wird immer so sein. Im Gegenteil, die Informationsverfügbarkeit wird sich noch erhöhen. Nicht zuletzt aus diesem Grund mache ich mir mit meinen Diplom in Medieninformatik und Medienpsychologie nicht wirklich berufliche Zukunftssorgen.

Möglichkeit ist auch Verpflichtung

Was Herr Kraus in seiner Kritik an der „Häppchen-Information“ bzw. deren Verfügbarkeit vollkommen außer Acht lässt: Die Möglichkeit der ständigen Informationsverfügbarkeit geht auch mit der Anforderung einher, diese Verfügbarkeit zu beherrschen. Eine Alltags-Heuristik, wie wir sie von Kind an lernen, müssen wir auch im Internet beherrschen, um Relevantes von nicht Relevantem zu trennen. Wer das nicht beherrscht, wer die Technik nicht beherrscht, der beherrscht die Information nicht.

Und das ist fatal. Denn die Möglichkeit, überall jede Information unmittelbar abzurufen, in kleinen oder großen Häppchen, wird in unserer Gesellschaft inzwischen als Verpflichtung wahrgenommen, genau dieses auch zu tun. Es wird zur Verpflichtung, vor allem unserer Kinder, die ohne diese Kompetenz keinen Beruf finden werden. Das kann ein Herr Josef Kraus – noch einmal, er ist Präsident des Lehrerverbands – gut finden oder nicht. Es ist die Realität unserer Kinder, eine Realität, die uns die Pflicht aufbürdet, sie darauf vorzubereiten. Ich muss gestehen, dass dies eine schwierige Aufgabe wird.

Dass die Regierung sich dazu entscheidet, entsprechende Gelder freizumachen und die Schul-Digitalisierung endlich mit den notwendigen Summen zu finanzieren, ist ein richtiger und wichtiger erster Schritt. Und in einem hat Herr Kraus auch Recht: Das darf nicht das Ende der Finanzierung sein, die sich mit der Digitalisierung der Schulen beschäftigt. Vor allem müssen Lehrer die Kompetenz erwerben, unseren Kindern nicht nur den Inhalt, sondern auch den Weg dahin beizubringen. Die Anmerkung sei erlaubt: Das war auch schon immer so, und es war auch schon immer das größte Problem der Lehrer.

Kompetenz in Medien

Aber natürlich hat das Ganze einen Haken: Lehrer müssen Kompetenzen, die sie weitergeben wollen, erst einmal selbst erlernen. Und so gehen alle Bemühungen um eine Schul-Digitalisierung den Bach herunter, denn das ist mit Geld nicht zu erreichen. Es wird keinen digitalen Aufschwung des Lehrkörpers geben, der sich im Durchschnitt über das digitale Bildungsniveau der Schüler emporhebt, nicht mit Geld, nicht mit Glück. Das geht nur mit digitalem Fleiß der Lehrer. Mit welchem Vorbild – auch in der medialen Aufbereitung – der Deutsche Lehrerverband vorweg geht, zeigt seine beeindruckende Homepage, die auch im Bild zu sehen ist. Und die mediale Kompetenz des Herrn Josef Kraus ist auch direkt zu bewundern. Ich zitiere von der Homepage www.lehrerverband.de, abgerufen am 13.10.2016 um 22:52 Uhr:

Der DL-Präsident ist für aktuelle Statements erreichbar unter 0171-5245945

Herr Kraus: Kapitel eins für Schüler im Umgang mit dem Internet ist der vorsichtige Umgang mit sensiblen und privaten Daten. Schon einmal etwas von einem Shitstorm gehört?

Wann ist früh zu früh?

Fast hätte ich es vergessen: Wann ist denn „früh“ zu früh, sein Kind mit dem Internet in Berührung zu bringen. Die Antwort ist trivial: Wir haben gar keinen Einfluss darauf. Unsere Kinder hängen uns dermaßen an den Lippen, Bewegungen, an unserem Schaffen und Sein, dass wir uns medial nicht bewegen dürfen, wenn wir Angst haben, das dies auf unsere Kinder abfärben könnte. Nein, unser Zweijähriger hat noch kein Smartphone, kein Laptop und kein Tablet. Letzteres allerdings bedient er, sofern er es in die Finger bekommt, mit einer Sicherheit, die Herrn Josef Kraus sicherlich in den Schatten stellt. Und ich nehme es ihm auch nicht direkt ab, sondern lasse ihn Erfahrungen mit einem Medium machen, von dem wir noch überhaupt nichts wissen. Wir haben erst die Spitze des Internet-Bergs gesehen. Und manche nichtmal diese.

Foto-Quelle: Internetseite lehrerverband.de, Abruf am 13.10.2016, 22:50 Uhr

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