Kinder Bestrafen – Was ist das richtige Maß?

Kinder bestrafen ist Bauchgefühl

Verzweiflung auf der ganzen Front: Bei mir, nicht bei Sohnemann. Der lässt den viel zitierten und auch von meinen Eltern gerne gesagten Satz in voller Wahrheit erblühen: „Diskutiere nicht mit einem Dreijährigen, du wirst immer verlieren.“ Offensichtlich ist das einzige, was an diesem Satz nicht ganz stimmt, das Alter. Doch auch mit zwei Jahren füllt unser Kleiner den Satz mit Leben. Komplette Resignation? Kommt nicht in Frage. Antiautoritär? Ohne mich. Sanktionen? Muss wohl sein. Doch wie kann man seine Kinder bestrafen und dabei das richtige Maß finden? Gar nicht so einfach. 

Die Tasse fliegt über den Frühstückstisch, der Inhalt ergießt sich über Brot, Aufschnitt, einfach alles, in kleinen Spritzern und großen Pfützen. Grund für diese Flugeinlage war ein Wutausbruch unseres Sohns, Anlass war sein Frühstücksbrot. Der eben noch geforderte Käsebelag sollte plötzlich Marmelade weichen. Es hätte auch umgekehrt sein können, der Ablauf wäre identisch gewesen. Er will beides, gleichzeitig, und natürlich will er nichts von beidem, auch gleichzeitig. Hauptsache, er will etwas anderes als er hat. Wenn er es nicht bekommt, hat das Konsequenzen, in diesem Fall für die Tasse.

Das hat Konsequenzen

Ich bin nicht antiautoritär, also muss ich an dieser Stelle einschreiten. Situationen gab es genug, die Anlass zur Sanktionierung gegeben hätten, bereits im Vorfeld. Die Socken wollten nicht angezogen werden, der Kuschelhase sollte trotz Kuscheltierverbot beim Essen mit an den Tisch. Gutes Zureden brachte nichts, die Bockigkeit stieg und stieg mit jeder Minute. Eigentlich war mir klar, dass die Eskalation irgendwann in den nächsten zehn Minuten bevorstehen würde. Doch auch Kinder haben das Recht auf freie Meinungsäußerung. Also lasse ich es eskalieren, in dem Wissen, dass ich gleich darüber nachdenken muss, wie man maßvoll Kinder bestrafen kann. Es ratterte noch im Kopf, als die Tasse flog.

Erste Reaktion: Erschrockenes Aufstehen vom Tisch. Zweite Reaktion: Drastische Nennung des Namens der Wut-Brut. „Sooo nicht, der Herr.“ Die Lautstärke meiner Stimme ist gedämpft, und ich muss gestehen, dass dies vielmehr an meiner Erkältung liegt als gewollter Beherrschung. Dritte Reaktion: Keine. Gar nichts. Sohnemann schaut mich an, schaut seine Mutter an. Und fängt an, unsicher zu grinsen.

Ich weiß, dass er weiß, dass er jetzt zu weit gegangen ist. Nun gibt es zwei erprobte Möglichkeiten. Entweder setze ich nach, erkläre ihm, dass ich jetzt sauer bin und verweise ihn des Platzes. Das Ergebnis wird Geheule sein, je massiver ich auftrete, umso massiver Geheule. Ein echtes proportionales Verhältnis. Oder ich ignoriere die Situation, wische alles wortlos weg und strafe durch Ignoranz. Die dritte Möglichkeit, ruhig miteinander zu reden, wird von der dreijährigen Seite ignoriert werden.

Wie Kinder bestrafen, wenn Tassen fliegen

Ich entscheide mich für Möglichkeit eins. Massvolles Schimpfen, ernste Miene, erklären, warum ich jetzt sauer bin. Das Ergebnis war bereits angekündigt. Unter Tränen, von denen ich überzeugt sind, dass sie teilweise herausgequetscht werden, hört mir der kleine Mann zu, mehr oder weniger. Ich erkläre mich, Tassen seien keine Wurfgeschosse, und egal was ich jetzt erzähle, es kommt nicht mehr an. Genauso gut kann ich den Werbeprospekt des Supermarkts vorlesen.

Sohnemann klettert auf meinen Schoß, will in den Arm genommen werden. Lasse ich das zu? Warum schafft er es immer wieder, mich vor eine innere Zerreißprobe zu stellen? Wie soll man seine Kinder bestrafen, wenn sie jeden Knopf kennen, um Mitgefühl zu erzeugen. Während ich noch nachdenke, sitzt er bereits auf meinem Bein und kuschelt sich an. Ich kann es in im triumphieren hören.

War ich jetzt zu lasch? Hätte ich ihn mehr bestrafen müssen? Hätte ich anders reagiert, wenn statt Wasser frische Milch durch die Gegend geflogen wäre? Und wäre eine Differenzierung nach Tasseninhalt gerechtfertigt?

Respekt als Gradmesser des Erfolgs

In der letzten Zeit mischt sich in ähnliche Situationen etwas unter, das mir Mut macht. Ich habe hin und wieder das Gefühl, dass unser Sohn mehr abwägt, ob er den Konflikt mit mir nun wirklich möchte. Zugegeben, selten, aber auch nicht nie, bricht er seinen Wutausbruch ab und kommt lieber kuscheln. In der Kombination fühle ich mich in meinem Bauchgefühl-Kurs bestätigt.

Auf gar keinen Fall möchte ich, dass mein Kind vor mir Angst hat und daher den Konflikt und die Sanktion scheut. Wenn mein Vater-Sohn-Verhältnis auf Angst basieren würde, fände ich das furchtbar. Im Gegenteil möchte ich aber auch nicht, dass mein Kind vollständig den Respekt vor mir verliert, weil es nie Sanktionen befürchten muss.

Die Tatsache, dass es offensichtlich gelingen kann, Respekt und Vertrauen aufzubauen, bestärkt mich in meiner Annahme, dass ich meinem Bauchgefühl vertrauen kann. Daher möchte ich jeden ermutigen, der sich selbst als reflektierten Menschen betrachtet, dies ebenso zu handhaben. Kinder bestrafen heißt nicht, eine Wand aufzubauen, weder eine Wand des Schweigens noch eine Wand des Zorns. Immer nur „enttäuscht“ sein vom Verhalten der Kinder, reißt ebenfalls Löcher in die Seelen unseres Nachwuchses. Traut euch, auch in Konflikten Kinder zu behüten, traut euch aber auch, ihnen die Meinung zu sagen. Kinder verstehen mehr, als wir glauben.

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