Kind im Bett der Eltern – Bis wann?

Gerädert bin ich nach sechs Stunden Schlaf – Schlaf, ein Wort, dass zu dieser Mischung aus Abwehrhaltung gegen Kinderfüße, blinder Sortierung angesabberter Kuscheltiere und halbstündlicher Neuverteilung aller Bettdecken irgendwie nicht passt. Während einigen Familienmitgliedern die nächtliche Seligkeit auch mit kleinem Zeh im Nasenloch gegeben ist, habe ich nunmal einen leichten Schlaf, werde ich schon vom Trapsen auf dem Flur wach, wenn das Kind im Bett der Eltern schlafen will. Und so stellt sich unweigerlich die Frage: Bis wann oder in welchen Situationen akzeptiert man das Kind im Bett der Eltern?

Angeblich werden Kinder immer größer. Nicht geistig, auch wenn ich diese Hoffnung an unsere Gesellschaft hege und pflege. Körperlich hingegen scheinen Kleinkinder von heute im Rückblick der letzten 30 Jahre enorm an Größe zugenommen zu haben. Vor dieser Entwicklung macht auch unser Sohn nicht halt, im Gegenteil, er scheint sie anzuführen. In einem Alter, in dem normalerweise das Sprechen beginnt, überragt er die meisten Drei- bis Vierjährigen bereits deutlich.

Das macht viele Situationen einfacher, und viele auch nicht. So ist ein geschlossenes Kinderbett, das mich selbst auf nächtliche knappe zwei Quadratmeter beschränkte, für ein so großes Kind lediglich eine lästige Kletterhürde. Habe ich von meiner nächtlichen Verpeiltheit auch nur Bruchstücke an den Nachwuchs vererbt, wird die schnell gefährlich. Die Folge ist, dass wir das Gitterbett geöffnet haben, der Zugang zum und aus dem Bett steht jederzeit offen.

Ich finde das nicht schlecht, auch im Sinne der kindlichen Selbstbestimmung. Relativ schnell hatten wir nächtlichen Besuch. Genaugenommen praktisch jede Nacht haben wir ein Kind im Bett der Eltern zu Gast. Die Uhrzeit variiert und kann inzwischen von uns teilweise vorausgesagt werden. Faktoren sind die Menge an Erlebnissen am Tag zuvor, Uhrzeit des „Ins-Bett-Gehen“, Menge des verdrückten Essens, die einer sehr breiten Spanne unterliegt und das aktuelle geistige Wachstum, das ebenfalls unfassbar stark variiert. So tappst es im Flur zwischen 2 Uhr und 4 Uhr nachts, danach eigentlich nie, davor auch selten. Ausnahmen bestätigen die Regel, versteht sich.

Ist es generell in Ordnung, wenn das Kind im Bett der Eltern schläft oder teilschläft? Ich lasse den Aspekt des eigenen dünnen Schlafs ausdrücklich außen vor. Eigene Schlafprobleme in die Entscheidung, ob erzieherisch „richtig“ oder „falsch“ mit einzubeziehen, halte ich nicht für fair. Ausgenommen sind ebenfalls Situationen, in denen das Kind krank ist. Die Frage stellt sich mir nicht, ein Fieber- oder Kotz-Kind hat in der elterlichen Obhut zu sein, und zwar so nah und so intensiv wie möglich. Doch abgeleitet von dieser selbstverständlichen Betrachtungsweise: Ist es denn wirklich vertretbar, in der normalen Alltagssituation das Kind wieder ins eigene Bett zu schicken, womöglich auch zu tragen? Und wie geht man mit nächtlichem Protest um? Wie soll man dem Nachwuchs beibringen, dass ein Kind im Bett der Eltern normalerweise tabu ist, im Ausnahmefall aber in Ordnung?

Und warum kommt ein Kind überhaupt? Vielleicht beginnt die Entscheidung, ob „richtig“ oder „falsch“ oder eine Grauschattierung von beidem bereits mit dieser Betrachtung. Zum einen ist es bereits erstaunlich, dass unser Sohn immer in der gleichen Zeitspanne wach wird. Warum, ist uns leider bisher nicht ergründbar gewesen. Wir wohnen relativ nahe an einer Hauptverkehrsstraße mit Straßenbahn. Um diese Uhrzeit allerdings ist wochentags der Straßenbahnverkehr eingestellt, nur am Wochenende rollt hörbar der stündliche ÖPNV. Lauter PKW-Verkehr von einigen Idioten, die nächtliche Rennen fahren, könnte ein Grund sein, aber nicht jede Nacht. Hunger? Nein, ebenfalls nicht, denn er verlangt ja keine Nacht-Flasche. Bisher ist es uns nicht gelungen, die nächtlichen Wachphasen zu ergründen. Kälte? Auch nicht. Die Wohnung ist warm, jetzt im Sommer ohnehin. Auch dicke Nacht-Socken haben keine Besserung gebracht. Vielleicht hat er einfach einen leichten Schlaf wie ich.

Aber was nährt in der Wachphase das Bedürfnis, dass das Kind im Bett der Eltern schlafen möchte? Oder anders gefragt: Ist das so schwer zu erklären? Da liegen Mama und Papa zusammen in einem Bett, in einem Zimmer, nahe beieinander und ohne Grenzen. Und ich hier – in meinem kleinen Bett, ganz alleine. Das Bedürfnis nach Nähe, Geborgenheit und kuscheliger, elterlicher Wärme ist ein starkes Argument, die nächtliche Wanderung auf sich zu nehmen. Eltern sollten diesen Standortwechsel zuerst einmal als Kompliment verstehen. Man stelle sich vor, ein Kind hätte kein Bedürfnis, bei seinen Eltern zu sein. Ist das Kind im Bett der Eltern womöglich ein Zeugnis liebevoller Erziehung? Ich bin geneigt, diese Sicht der Dinge anzunehmen.

Ich habe es dennoch versucht. Eine nächtliche Abschiebung zurück an den sicheren Herkunftsort habe ich nur schwer übers Herz gebracht, und dennoch habe ich mich überwunden, mehrfach. Das Ergebnis war erstaunlich, wirklichen Protest gab es nicht. Dafür eine bewegte Nacht, denn innerhalb weniger Augenblicke waren wir wieder zu dritt im Schlafzimmer. Und ich bin nicht der, der nachts den längeren Atem hat.

Vernunft und Selbstreflexion: Diese Begriffe sind noch nicht Bestandteil des Denkens im Alter unseres Sohnes. Sie sind aber vermutlich der Schlüssel, um dauerhaft sein nächtliches Territorium zurück zu gewinnen und zu verteidigen. Eine Konfrontation muss auch ankommen und verstanden werden, sonst ist der Entzug elterlicher Liebe und Nähe in der Nacht grausam. Solange werden wir uns vermutlich damit abfinden müssen, das wortwörtlich bewegte Schlafen unseres Kind im Bett der Eltern zu akzeptieren. Also dann, gute Nacht!

1 Kommentar

  1. Hi, ich bin Papa von dreien der Monster. Ich sehe das ähnlich wie du und habe auch die gleichen erfahrungen gemacht. Versuche das elterliche bett für uns zurück zu erobern sind kläglich gescheitert. Teilweise hab ich im kinderbett geschlafen weil die Müdigkeit beim “ich kuschel dich bis du eingeschlafen bist“ obsiegt hat. Jetzt bin ich an dem punkt angekommen an dem ich denke dass das noch früh genug aufhört mit dem kuscheln kommen. Klar wenn man Nachts durch ne ferse im gesicht oder im unterbauch hat ist das unangenehm und nicht erholsam. Aber es ist echt schön nach dem aufwachen noch kurz mit einem kind kuscheln kann bevor man zur arbeit muss. Also hilft entweder auf kurz oder lang nur ein weiteres bett nebenan um auf 270x 200 aufzustocken oder es aussitzen. Lg Mister Kanister

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