Digital verlieben – Es ist keine Angst, es ist Respekt

Digital verlieben

Digital verlieben ist im Trend. Das ist offensichtlich und offenkundig. Alleine in unserem bescheidenen Bekanntenkreis gibt es mehr Pärchen, die sich digital kennengelernt haben, als ich Finger an der Hand habe. Und alle haben sich explizit auf Partner- und Flirtbörsen kennengelernt, nicht etwa im digitalen Alltagsleben. Gibt es so etwas überhaupt, einen digitalen Alltag, in dem sich Fremde begegnen? Glaubt man dem Buch „Gut gegen Nordwind“, dann gibt es so etwas immerhin zufällig. Und Begegnungen sind ja zufällig, oder eben doch nicht mehr? 

Zeitlich Forciertes Kennenlernen

Ein guter Freund, der es selbst vom Single bis zum zweifachen Familienvater mit seiner digital kennengelernten Liebe gebracht hat, beschrieb mir die Motivation, eine digitale Singlebörse aufzusuchen, als Abkürzungsprozess. Nirgends sonst kann man in so kurzer Zeit mit so vielen potentiellen Partnern in Kontakt treten und den Anlaufprozess überspringen. Und nirgends ist es möglich, so schnell so viele Frauen kennenzulernen. Digital verlieben ist der zweite Schritt nach digital daten, daten, daten. Nach kurzer Zeit trifft man sich bereits das erste Mal real, um dann seine digital geweckten Erwartungen mit der Realität abzugleichen.

Ich kann die Motivation verstehen, nur nachvollziehen kann ich sie nicht. Der beschleunigte Transfer der traditionellen Partnersuche ins digitale Leben funktioniert für mich nicht, weil ich nie auf Partnersuche war. Ja, es gab Phasen, in denen war ich Single, und die habe ich genossen. Meine Partnerinnen habe ich zufällig kennengelernt, nie explizit gesucht. Für diese Art der Partnerfindung gibt es kein digitales Pendant.

Kein digitales Pendant

Genau das verschafft mir Respekt. Denn wie soll ich meinem Kind beibringen, auf Leute zuzugehen, wenn ich es selbst nicht mehr kann? Wenn meine Art, mit Kennenlernen, mit Partnerfindung umzugehen, einfach ausstirbt? Vermittle ich meinem Kind Werte, mit denen es nichts mehr anfangen kann?

Ich bitte, mein Zweifel nicht falsch zu verstehen. Ich habe nicht nur Respekt vor dieser Aufgabe, sondern auch vor jedem Paar, das sich im Internet kennengelernt und dadurch lieben gelernt hat. Das will ich nicht niederreden, nicht bewerten und nicht kritisieren, überhaupt nicht. Ob sich Paare digital verlieben oder im realen Leben treffen, halte ich auch nicht für wichtig. Ich kann es nur nicht nachvollziehen. Das ist mein ganz eigenes Problem und keineswegs eine Kritik an irgendeinem Lebensstil.

Digital verlieben nur ein Beispiel

Dabei ist „Digital verlieben“ nur ein Beispiel für den Transfer traditioneller Prozesse in ein digitales Abbild. Und ich selbst gestalte und stricke an dieser Welt fleißig mit, immerhin bin ich seit 19 Jahren Programmierer. Dennoch merke ich, wie Entwicklungen an mir vorbeigehen. Nicht, dass ich sie nicht wahrnehmen und verstehen würde, aber ich kann teilweise mit ihnen wenig anfangen. Snapchat ist eine solche Entwicklung, die mich im Gegensatz zu Twitter und Facebook nie wirklich gepackt hat, deren Mehrwert ich für mein Leben nie gefunden habe.

Dass andere in diesen Techniken Chancen sehen, die ich nicht ausmache, finde ich prima. Persönlich berührt hat mich das positive Schicksal einer Mutter, die mit ihrem Kind digital einen neuen Partner gefunden hat. Vermutlich deshalb, weil ich vor gut 35 Jahren ohne die digitale Komponente das positive Schicksal des Kinds parallel erfahren durfte. Das freut mich einfach, und wer bin ich, daran irgendetwas kritisches zu finden.

Es flößt mir nur wahnsinnig Respekt ein, dass ich offensichtlich in einigen Lebensbereichen, von denen das „Digital verlieben“ nur einer sein könnte, nicht die Fähigkeit zum digitalen Transfer habe. Eventuell kann ich wichtiges Rüstzeug für meinen Sohn nicht vermitteln, eventuell hängt er mich irgendwann ab. Und ja, ich wünsche mir, dass er zumindest das Glück erfährt, das ich beim Verlieben empfinden durfte, von der ersten Jugendliebe bis zum heutigen Tag. Ob digital oder ganz analog.

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